Von Berg zu Tal: Transhuman-Weidewirtschaft zwischen Triglav-Alpen und Voralpen
Folge den historischen Weidewechsel-Routen Sloweniens und triff moderne Hirten auf ihren Almwegen.
Autor: Klaus Hoffmann
Die Sonne steht noch tief über den Julischen Alpen, als die ersten Schafe die Wiesenhänge hinaufziehen. Nicht eilig, nicht gehetzt – nur Glockengeläut und das Scharren von Hufen auf Stein. Das ist Transhumanz, die Kunst des Weidewechsels, die in Sloweniens Alpen seit Jahrhunderten gelebt wird. Wer diese Routen wandert, erlebt nicht nur Landschaft, sondern Geschichte im Aufbruch.
Historische Wege, die noch heute gegangen werden
Die Transhumanz ist keine romantische Erinnerung – sie ist Realität in den Alpen zwischen Triglav und den Voralpen. Schafhirten und Ziegenhirten bringen ihre Herden noch immer vom Flachland in die Höhen. Im Frühjahr folgen sie den grüner werdenden Hängen bergauf, im Herbst wieder hinab. Diese Wanderungen folgen Pfaden, die teils aus dem Mittelalter stammen und topografisch optimal zwischen Weideflächen und Wasser navigieren.
Der Triglav-Nationalpark, der sich über 838 Quadratkilometer der Julischen Alpen erstreckt, bildet das Herz dieser Weidewirtschaft. Mit seinem höchsten Punkt, dem Triglav auf 2.864 Metern, und zahlreichen Tälern bietet der Park ideale Bedingungen für extensive Beweidung. Die Wanderrouten, die man hier antrifft, sind dieselben, die Hirten seit Generationen nutzen – manche führen vorbei an archäologischen Stätten, die zeigen, wie alt diese Nutzung tatsächlich ist.
Wandern auf Hirten-Steigen
Eine klassische Route führt vom Bohinjer See hinauf ins Hochland und durchquert Weideflächen, auf denen Schafe und Ziegen grasen. Der Bohinjer See selbst ist Sloweniens größter natürlicher See und liegt eingebettet im Triglav-Nationalpark. Von hier aus können mehrere mehrtägige Wanderungen gestartet werden, die den historischen Weidewechsel-Routen folgen.
Unterwegs trifft man auf Hirten, die bereit sind, ihre tägliche Arbeit zu teilen. Diese modernen Schafhirten und Ziegenhirten sind nicht nostalgische Darsteller – sie bewirtschaften ihre Herden professionell und nutzen dabei traditionelle Methoden, weil diese funktionieren. Ein Gespräch mit einem Hirten in der Frühe oder am Abend offenbart schnell, dass das Hütenleben eine Mischung aus körperlicher Belastung, ökologischem Verständnis und tiefer Ortskenntnisse ist.
Kochen unter freiem Himmel
An den Hirten-Kochstellen, die entlang der Routen zu finden sind, wird gekocht wie seit Jahrzehnten: auf offenenem Feuer. Hier wird Rinder- und Lammfleisch zubereitet, das von den eigenen Herden stammt. Der Geschmack unterscheidet sich merklich von industriell erzeugtem Fleisch – das Aroma ist intensiver, das Fleisch selbst magerer und strukturierter, weil die Tiere auf Bergweiden aktiv sind.
Wer eine Wanderung mit einer Hirten-Familie plant, kann an diesen Mahlzeiten teilnehmen. Das ist nicht Tourismus im klassischen Sinn, sondern Einblick in eine Arbeitskultur, die sich über Jahrhunderte bewährt hat. Die Gerichte sind einfach: Fleisch, Kartoffeln, manchmal Gemüse aus den Talorten, dazu Brot und Wein aus lokalen Produktion. Es sind Mahlzeiten, die nach körperlicher Arbeit schmecken und die Landschaft, durch die man gerade wandert, direkt auf den Teller bringen.
Ethnografie und Archäologie der Weidewege
Die Weidewechsel-Routen sind nicht nur wirtschaftliche Pfade, sondern auch historische Zeugnisse. Entlang dieser Wege finden sich Überreste von Hirten-Steinhütten, Wasserfassungen und Grenzmarkierungen, die teilweise aus dem Mittelalter stammen. Der Triglav-Nationalpark hat mehrere dieser Orte dokumentiert und teilweise mit Informationstafeln versehen.
Ein Beispiel ist das Logarska-Tal in den Steiner Alpen, ein glaziales U-Tal, das seit 1987 als Landschaftspark geschützt ist. Hier sind die Spuren alter Weidenutzung deutlich sichtbar – in der Vegetationsstruktur, in den Wiesengrenzen und in den wenigen noch stehenden Hirten-Bauten. Das 7 Kilometer lange Tal wird von 2.000er-Gipfeln eingerahmt und der Rinka-Wasserfall mit 90 Metern bildet einen klassischen Endpunkt für Wanderungen. Die auto-Mautstraße führt hinein, aber die wichtigsten Wege sind Fußpfade, auf denen man der historischen Nutzung unmittelbar nachfolgt.
Landschaftserhaltung durch Beweidung
Der ökologische Wert dieser Transhumanz wird oft übersehen: Die extensive Beweidung hält die Alpen offen. Ohne Schafe und Ziegen würden viele dieser Weideflächen zuwachsen – Buschwuchs und Wald würden die Landschaft verändern. Die Biodiversität der Bergwiesen hängt davon ab, dass sie regelmäßig beweidet werden. Hirten sind also auch Landschaftserhalter, ihre Arbeit ist Naturschutz in Aktion.
Der Triglav-Nationalpark, als UNESCO-Biosphärenreservat und Träger des Europädiploms des Europarates, setzt genau auf dieses Modell. Die extensive Beweidung ist Teil des Schutzkonzepts, nicht ein Widerspruch dazu.
Praktische Planung
Wer diese Routen wandern möchte, sollte den Sommer wählen – Juni bis September ist die beste Zeit, wenn die höheren Weiden zugänglich sind und die Hirten mit ihren Herden unterwegs sind. Mehrtägige Touren können über Hütten-zu-Hütte-Wanderungen organisiert werden, etwa durch das Sieben-Seen-Tal oder entlang des Triglav-Massivs.
Die klassischen Einstiege sind der Bohinjer See im Triglav-Nationalpark oder – für Touren in die Voralpen – das Logarska-Tal. Informationen über aktuelle Hirten-Routen und Kontakte zu Schafhirten, die Wanderern die Route zeigen, gibt es bei den Tourismusbüros vor Ort.
Diese Wanderungen sind anspruchsvoll – nicht nur bergsteigerisch, sondern auch in ihrer Langsamkeit. Wer sie geht, bewegt sich in einem Rhythmus, der älter ist als der moderne Tourismus. Das ist nicht Hochgeschwindigkeit, sondern eine Form des Reisens, die Zeit braucht und Zeit schenkt.
Quelle: eigene Recherche aus öffentlichen Reiseführern
Häufige Fragen
Wann ist die beste Zeit für Wanderungen auf den Weidewechsel-Routen?
Juni bis September ist ideal. In dieser Zeit sind die höheren Weiden zugänglich und die Hirten sind mit ihren Herden aktiv unterwegs. Der Schnee ist geschmolzen, die Wege sind begehbar und die Tage sind lang.
Kann man als Wanderer eine Hirten-Familie begleiten?
Das ist möglich und sollte vorab über die lokalen Tourismusbüros oder Nationalpark-Zentren organisiert werden. Manche Hirten nehmen interessierte Wanderer mit auf ihre täglichen Wege und laden sie zu Mahlzeiten ein. Dies ist jedoch kein standardisiertes Tourismusangebot, sondern eine Vereinbarung mit einzelnen Familien.
Welche Startpunkte sind für diese Routen zu empfehlen?
Der Bohinjer See im Triglav-Nationalpark ist ein klassischer Einstiegspunkt. Für Touren in die Voralpen ist das Logarska-Tal eine ausgezeichnete Alternative. Beide Orte haben gute Infrastruktur und Informationen zu aktuellen Weiderouten.
Wie schwierig sind diese Wanderungen?
Die Schwierigkeit variiert. Tagestouren auf Weidewegen sind oft moderat, mehrtägige Hütten-zu-Hütten-Wanderungen benötigen aber gute Kondition und Erfahrung im Bergwandern. Viele Routen haben Höhenunterschiede von 800 bis 1.200 Metern pro Tag.
Was kostet es, eine Hirten-Familie zu begleiten?
Für Wanderungen mit Hirten sollte man mit Kosten zwischen 50 und 150 Euro pro Tag rechnen, abhängig davon, ob Mahlzeiten und Übernachtung inbegriffen sind. Dies sollte immer vorab geklärt werden. Informationen gibt es bei den Nationalpark-Zentren vor Ort.